

WORKSHOP: «Kunst+Care – gibt es Lücken?»
Studien widerlegen die Chancengleichheit in Kunst und Kultur. Das autarke, von allen sozialen Verantwortungen befreite Künstlergenie wurde zwar überholt, aber wie ändern sich dadurch auch die Strukturen?
Dieser kritschen Reflexion wirdmete sich das Veranstaltungsformat «Soirée visionnaire» der Visarte Basel. Die Veranstaltung fand am 18. September 2024 von 18–20 Uhr im Projektraum M54 in Kooperation mit dem Netzwerk art+care statt,
Im Gespräch waren Dominique Grisard (Geschlechterforscherin und Dozentin, Basel) sowie Sascia Bailer (Kuratorin, Wissenschaftlerin und Autorin, Mülheim/DE). Gemeinsam wurde mit den anwesenden Teilnehmenden über Gender- und Diversitätsmonitoring in Kulturbetrieben sowie über Ansätze, wie Kunst und Care zusammengehen können, diskutiert.
Moderation und Workshop-Leitung: Karin Lustenberger, Künstlerin und Teil des Kernteams art+care Netzwerk
Organisation: Alessia Conidi, Künstlerin und Vorstandsmitglied Visarte Basel
Gender- und Diversitätsmonitoring in Kulturbetrieben: Dominique Grisard präsentierte quantitative und qualitative Ergebnisse der Vorstudie «Geschlechterverhältnisse im Schweizer Kulturbetrieb» (Uni Basel 2021), die zur Entwicklung eines «Gender- und Diversitätsmonitoring in Kulturbetrieben» (Uni Bern, 2024) geführt haben. Derzeit sind viele einzelne Initiativen zu beobachten, den Kunstbetrieb (geschlechter-)gerechter, inklusiver und fürsorglicher zu gestalten. Auch zeigt sich eine Bereitschaft, neu über Führungs- und Organisationskultur, Machtverhältnisse und Care-Verantwortung im Kunstbetrieb zu diskutieren. Doch stellt sich die Frage: Nur Rhetorik oder haben wir es mit dem Beginn eines strukturellen Wandels zu tun?
Curating with Care – Lösungsansätze, wie Kunst und Care zusammengehen können: Sascia Bailer zeigte die Verschränkungen von Care und Kuratieren auf und machte anhand eines Beispiels aus ihrer kuratorischen und forschenden Praxis deutlich, wie wichtig es ist, im Kultursektor nicht nur thematisch Fragen der Fürsorge zu verhandeln, sondern Care auch in unsere (Infra)strukturen einzuschreiben. Sascia Bailer stellte Auszüge aus ihrem «Soft Manifesto for Caring Infrastructures» (Bailer, 2024) vor und appellierte damit an die Akteur*innen des Kunstfelds, in ihrem Alltag mikro-politisches Handeln für mehr Geschlechtergerechtigkeit in die Tat umzusetzen.
Partizipativer Workshop: Sammlung Forderung konkreter Massnahmen
Im Anschluss an die Inputs wurde gemeinsam mit den Teilnehmenden zu den Leitfragen «Was gibt es an Care?» und «Welche Care sorgt für Care?» gearbeitet. In Kleingruppen sowie individueller Reflexion wurden dazu Antworten und Forderungen auf Post-its gesammelt. Ausgehend vom strukturellen Spannungsfeld zwischen Careverantwortung – die Kontinuität, Präsenz und kurzfristige Verfügbarkeit erfordert – und künstlerischer Arbeit, die oft projektbasiert, unregelmässig entlohnt und von hoher Selbstausbeutungsbereitschaft geprägt ist, sammelten die Anwesenden konkrete Forderungen auf drei Themenfeldern: Massnahmen für die Kunst- und Kulturförderung, für carefreundlichere Produktions- und Rahmenbedingungen sowie für Solidarität und Vorbildfunktion unter den Akteur*innen. Die gesammelten Anliegen reichen von diverseren Jurys und familien*kompatiblen Atelieraufenthalten über transparente Honorare und carefreundliche Präsenzzeiten bis hin zu Vernetzung, gemeinsamen Standards und einem art+care-Gütesiegel.
Weiterführende Quellen:
Zimmermann, A. (Projektleitung), Baumgarten, D., Gloor, D., Meier, H. & Knobel, L. (2019–2021). Geschlechterverhältnisse im Schweizer Kulturbetrieb – Eine qualitative und quantitative Analyse mit Fokus auf Kulturschaffende, Kulturbetriebe und Verbände. Vorstudie, Universität Basel, gefördert durch Pro Helvetia und das Swiss Center for Social Research.
Forschungsbericht und weitere Informationen: https://genderstudies.philhist.unibas.ch/de/forschung/aktuelle-forschungsprojekte/geschlechterverhaeltnisse-im-schweizer-kulturbetrieb/
Interdisciplinary Centre for Gender Studies (ICFG) – Universität Bern & Pro Helvetia. (2022–2024). Gender and Diversity Monitoring in Cultural Institutions [Forschungsprojekt; Laufzeit: 1.8.2022–31.12.2024]. Leitung: D. Grisard, S. Rohner & M. Amacker.
Weitere Informationen: https://www.izfg.unibe.ch/forschung/abgeschlossene_projekte/gemoku/index_ger.html
Bailer, S. (2024). Caring Infrastructures: Transforming the Arts through Feminist Curating. transcript Verlag.
Open Access und gedruckte Ausgabe:
https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-7545-0/caring-infrastructures/
Veranstaltungs-Website: <
https://visarte-basel.ch/de/veranstaltungen/kunstcare-gibt-es-luecken/
Vielen Dank an die Visarte Region Basel und die Christoph-Merian-Stiftung.
Fotos: © Axel Töpfer, 2024
Weitere partizipative Workshops:
«Care Soup: Rezepte für kollektive Fürsorge», Arts & Care Assembly II, Wiesbaden Biennale, Workshop-Leitung Karin Lustenberger (art+care) gemeinsam mit Sascia Bailer (Caring Culture Lab), 19.9.2025
«Care und Vereinbarkeit in der Musikbranche», Vernetzungstreffen Musik, Laut&Stark, Progr Bern, Organisiert im Rahmen des IZFG-Projekts der Universität Bern «Führungspositionen im Schweizer Kulturbetrieb. Veränderungen oder Stillstand?» Workshop-Leitung Karin Lustenberger (art+care) gemeinsam mit Hanna Rasche (Anlaufstelle Elternschaft, Oper Zürich), 1.4.2025
«Was ist Kunst+Care?», Reflektor Akademie Luzerner Theater, Weiterbildungsformat «Sperrstunde», Worshop-Leitung Karin Lustenberger gemeinsam mit Nina Langesand (art+care), 13.11.2024







